Erst kürzlich warnte der Verband der Tafeln: Die Altersarmut werde „uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen“, so der Vorsitzende des Tafel-Vereins, Jochen Brühl. Stimmt das? Wie groß die Gefahr der Altersarmut ist, welche Gruppen ein besonders großes Risiko haben – und was man dagegen tun kann.

Was ist Altersarmut?

Wie bei Armut allgemein gibt es auch für Altersarmut verschiedene Definitionen. In der politischen Debatte wird aber selten gesagt, von welcher Definition man ausgeht. Eine enge könnte lauten: Wenn man im Alter so wenig zur Verfügung hat, dass man nicht überleben kann. Durch das soziale Sicherheitsnetz gibt es diese Form von Altersarmut in Deutschland praktisch nicht.

Eine weiter gefasste Definition wäre: Menschen, die im Alter auf die Grundsicherung angewiesen sind. Zusätzlich wird oft mit dem Konzept der relativen Armut gearbeitet: Menschen ab 65, die weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung haben.

Das Statistische Bundesamt bezeichnet eine Person als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine der drei folgenden Lebenssituationen zutrifft:

  • Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze
  • Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen
  • Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung

 

Wie groß ist das Problem in Deutschland?

Nach dieser Definition waren laut Statistischem Bundesamt 2017 rund 19 Prozent der deutschen Bevölkerung von „Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht“. Der EU-Durchschnitt waren 22,5 Prozent. Im europäischen Vergleich sind somit in Deutschland insgesamt weniger Menschen von Armut betroffen als im EU-Schnitt.

Ältere Menschen sind in Deutschland bislang sogar weniger von Armut bedroht als der Bevölkerungsdurchschnitt. 2017 traf das auf 17,7 Prozent der ab 65-Jährigen zu (EU-Schnitt: 18,1 Prozent).

Das bedeutet: Altersarmut ist in Deutschland zwar ein Problem, aber bislang noch kein großes. Das könnte sich jedoch ändern. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostiziert, dass bis 2039 bis zu 21,6 Prozent der Ruheständler Altersarmut drohen könnte.

Rentenplaner: So viel bekommen Sie im Alter heraus 

Wer ist besonders stark betroffen?

Unser Rentensystem ist auf ein möglichst ununterbrochenes Erwerbsleben ausgerichtet: Wer lange arbeitet und gut verdient hat, bekommt im Alter eine hohe Rente. Umgekehrt gilt: Wessen Leben von diesem Schema abweicht, der muss mit Einbußen rechnen. Ein höheres Risiko für Altersarmut haben daher zum Beispiel Langzeitarbeitslose und Menschen, die nur gelegentlich schlecht bezahlte Jobs hatten.

Es gibt aber noch eine weitere Risikogruppe, die sich womöglich gar nicht bewusst ist, dass sie von Altersarmut betroffen sein könnte: Nämlich jene, die Kinder haben und den Hauptteil der Betreuungsarbeit übernehmen – insbesondere dann, wenn sie alleinerziehend sind. Und das sind häufig Frauen. Wer der Kinder wegen über Jahre zu Hause bleibt, leistet keine Erwerbsarbeit und sammelt keine Rentenpunkte – auch wenn sicher viele Menschen finden, dass die Erziehung von Kindern genauso wertvoll ist wie ein Job.

Frauen haben zusätzlich damit dem sogenannten „gender pay gap“ zu kämpfen, der die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen beschreibt. Der durchschnittliche Bruttostundenlohn von Frauen liegt niedriger als der von Männern und auch beim sogenannten “bereinigten gender pay gap”, der strukturelle Unterschiede wie die Art des Berufs oder die Qualifikation herausrechnet und sich auf vergleichbare Tätigkeiten bezieht, besteht eine – wenn auch kleinere – Lücke zwischen Männern und Frauen.

Daraus und aus den Erziehungszeiten ergibt sich im Alter eine deutliche Rentenlücke zwischen Männern und Frauen und damit auch ein höheres Armutsrisiko: Laut Statistischem Bundesamt waren 2017 19,9 Prozent der Frauen ab 65 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, aber nur 15,3 Prozent der Männer in diesem Alter.

Zur Lohnlücke kommt eine Lücke in der sogenannten Sorgearbeit (auch Carearbeit) hinzu: Frauen tun deutlich mehr im Haushalt, kümmern sich mehr um die Kinder und pflegen öfter Angehörige als Männer. Das ist Zeit, die ihnen in der Erwerbsarbeit fehlt: Frauen mit Kindern arbeiten überdurchschnittlich oft in Teilzeit, was zu Gehalts- und Renteneinbußen führt.

Im Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung wurde diese „Gender Care Gap“ erstmals für deutsche Haushalte erfasst und ausgewertet. Dabei zeigte sich im Alter von 34 Jahren die größte Lücke: Frauen verbringen in diesem Alter durchschnittlich fünf Stunden und 18 Minuten pro Tag mit Care-Arbeit, 34-jährige Männer jedoch nur zwei Stunden und 31 Minuten.

Ausgerechnet in dieser Lebensphase stehen aber auch im Job oft wichtige Entscheidungen an, die die weitere Karriere beeinflussen können. Dann zum Beispiel wegen Kinderbetreuung weniger präsent zu sein, kann sich also rächen. Bei Frauen ist generell ein Einkommens-Einbruch nach der Geburt von Kindern zu beobachten, wenn sie wieder zu arbeiten beginnen – bei Männern gibt es den Effekt in dieser Form nicht.

Für die Erziehung eines Kinders kann man später zwar auch Rentenpunkte bekommen („Mütterrente“), jedoch wird für jedes Kind nur ein Zeitraum von bis zu drei Jahren anerkannt. Das entspricht pro Kind einem monatlichen Rentenplus von weniger als 30 Euro.